Swakopmund- Mit kolonialen Grüßen

Swakopmund gilt als die „deutscheste Stadt Namibias“- allein schon bei dieser Beschreibung sollte man eigentlich stutzig werden. Tatsächlich ist die Stadt voll mit kolonialen Überresten der deutschen Besatzungszeit. Man läuft durch die Straßen und sieht Fachwerkhäuser, die Straßen haben deutsche Namen und man kann in den Restaurants Spießbock mit Spätzle bestellen. Manche mögen das vielleicht amüsant finden, andere deutsche Reisende fühlen sich hier vielleicht sogar wohl, da sie ein Stückchen Gewohnheit finden und andere finden es wohlmöglich einfach nur verstörend. Ich zähle mich zu letzteren.

Ich will es nicht leugnen- die  Verwirrung beruht, zumindest teilweise, auf der mangelden Auseinandersetzung mit der kolonialen Geschichte Deutschlands. Die Begeisterung für Namibia und explizit Swakopmund begründet sich jedoch genau auf dieselbe Weise.

Sehr vielen Deutschen ist nicht bewusst,…

dass das heutige Namibia von 1884 bis zum ersten Weltkrieg, als Deutschland die Kolonien aberkannt wurden, als „Deutsch Südwest-Afrika“ zu den deutschen „Schutzgebieten“ gehörte und welche Menschenrechtsverletzungen gegen die lokalen Bevölkerungsgruppen damit einhergingen. So ist der Völkermord an den Herero und Nama fast komplett in Vergessenheit geraten: Nach Aufständen der beiden Ethnien gegen die deutsche Besatzungsmacht 1904 beschlossen die oberen Befehlshaber über Kriegshandlungen die Bevölkerungsgruppen zu vernichten  und errichteten 1906 Konzentrationslager u.A. in Swakopmund. In den Jahren zwischen 1904 -1908 kamen 75% der Herero und etwa 10 000 Angehörige der Nama um. Bis heute verlangen die Herero eine offizielle Entschuldigung von Deutschland, sowie eine offizelle Anerkennung des Genozids gegen ihrer Volksgruppe. Bisher hat die deutsche Regierung diese Forderungen zurückgewiesen und zeigte kein Interesse an der Auseinandersetzung mit der Thematik. Im Juli diesen Jahres wurden im Zuge des Völkermords in Armenien das erste Mal Bemühungen unternommen, den Genozid in Deutsch Südwest-Afrika anzuerkennen- nach 110 Jahren der Verleumdung.¹

Man spürt die kolonale Prägung Deutschlands in ganz Namibia-

doch nirgendwo wurde der Einfluss so deutlich wie in Swakopmund. Ich fand es extrem schwer mich für diese Stadt zu begeistern, so habe ich vieles als verstörend, falsch und deplatziert empfunden. Vermutlich lag das einerseits daran, dass Swakopmund eine komplette Retortenstadt ist und die Straßenzüge wie eine schlechte Filmkulisse wirkten². Alles schien künstlich, durchgeplant, leer und zu groß. Mir ist durchaus bewusst, dass das Gefühl der Unangebrachtheit, dass mich vor allem in Swakopmund beschlich, an der mangelnden Auseinandersetzung mit diesem Teil der deutschen Geschichte liegt- Man ist  als deutsche_r Reisende_r im Grunde genommen nicht mental darauf vorbereitet ein kleines Deutschland am anderen Ende der Welt aufzufinden. In anderen Ländern, die kolonalisiert wurden, empfindet man es als normal, dass Prägungen aus England, Frankreich oder Spanien vorliegen- auch weil deren koloniale Vergangenheit allseits viel präsenter ist und mehr thematisiert wird.

IMG_2494

Vollkornbrot, gefunden in einem Supermarkt in Windhoek, hergestellt in Swakopmund

An der Kolonialzeit gibt es nichts zu romantisieren oder zu verschönen, wir sollten sie als das wahrnehmen was sie ist: Eine menschenverachtende und rassistische Zeit, die unsere Strukturen in der Welt bis heute prägt. Das ist der Grund, warum ich den Beitrag zu Swakopmund in dieser kritischen Form geschrieben habe.

Natürlich hätte ich auch davon berichten können, wie schön Namibias Wüste ist und wie lecker die Steaks und wie viel Spaß das Sandboarding gemacht hat, aber das sind die gängigen Informationien, die weiter getragen werden. Swakopmund hat meiner Meinung nach als Repräsentant für die deutsche Kolonialzeit und den immer noch offensichtlichen Postkolonialismus einen bitteren Beigeschmack. Ich sah keine Schönheit oder Sympatie im Stadtbild, sie erinnerte mich nur daran, was an diesem und anderen Orten in Namibia passiert ist. Natürlich kann man einwerfen, dass die deutsche Besatzungszeit über hundert Jahre her ist, und wir als heutige deutsche Reisende persönlich nichts dafür können. Trotzdem habe ich mich für die mangelnde Auseinandersetzung geschämt- Und das ist ein Punkt an dem wir heute noch ansetzen können und sollten.

Hoffentlich hat die Stadt aber nicht nur mich dazu angeregt, sich mit diesem dunklen, aber verdrängten Kapitel der deutschen Geschichte auseinander zu setzen.

Zeugnisse aus der deutschen Besatzungszeit

Zeugnisse aus der deutschen Besatzungszeit in Swakopmund

 

Warst du schon einmal in Namibia oder sogar in Swakopmund?  Was waren deine Eindrücke?


Meine Informationen habe ich größtenteils aus Wikipedia. Es gibt einen ausführlichen und interessanten Artikel dazu, vor allem die schwache Rolle Deutschlands in der Auseinandersetzung wird darin deutlich:

¹Völkermord an den Herero und Nama, Wikipediaartikel

²Ich musste sehr häufig an Stromaes Videoclip zu „Papaoutai“ denken, schau im Internet nach, wenn dus grad nicht im Kopf hast ;)

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Swakopmund- Mit kolonialen Grüßen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s